Es ist ja ganz faszinierend, das mit anzusehen.
Damals sagte man mir "Sie müssen sich das vorstellen, als wären sie eine viel zu scharf eingestellte Alarmanlage, die oftmals grundlos oder viel zu früh losgeht, und die man nur schwer wieder ausbekommt".
Heißt also, da wo gar kein Alarm ist, schrille ich schon mal direkt los und beruhige mich nur schwer wieder.
Das ist also negativ.
Hat man nicht vielleicht vergessen zu erwähnen, dass das Ganze auch andersrum funktioniert? Also dass ich nicht nur schrille und empfindlich bin, wenn etwas gar nicht gut läuft in meinen Augen, sondern dass ich mich auch ganz extrem über Dinge, die ganz klein sind freuen kann. Das ich in beide Richtungen wie verrückt ausschlage?
Wieso sagte man uns das denn nicht?
Kein Wunder, dass wir alle so wenig von uns halten.
Bestes und aktuellstes Beispiel eben, wo ein kleines Buch beinahe die ganze Welt bedeutete.
Ich bekomme ein Buch geschenkt. Der Großteil der Welt wäre überrascht und würde sich freuen und danke sagen.
Ich war überrascht, nahezu fassungs- und sprachlos, sprang im Kreis, könnte platzen vor Juhu und krieg mich gar nicht mehr ein darüber. Immer noch nicht.
Hätte man mir eben gesagt, ich schenk dir ne Million, dann hätte ich mich nicht mehr als über das Buch über die Million freuen können.
Das ist doch dann positiv.
Ganau so rasant, wie Kleinigkeiten einen runter rauschen lassen, genau so katapultartig bringen einen kleine Büchlein bis ganz nach oben und noch weiter.
Komisch, dass das nie jemand zur Sprache brachte. Ich finde das sehr wohl erwähnenswert.
So schlimm sind wir gar nicht. Nur viel feiner eingestellt. Warum man das so außer Acht ließ, ist mir schleierhaft.
Manchmal mag ich das Ich-sein. So dramatisch ist es doch gar nicht.
An dieser Stelle, dankedankedanke :) Ich gehe nun mit Leuchteaugen schlafen :)
Uff... nu hab ich eine ganze Stunde damit verbracht, in 2 alten Handys, die gerappelt voll mit SMS waren, die eine einzige zu finden, die ich noch von Anuschka hatte. Wer kam damals auf die Idee, ihre Nummer zu löschen?!
Ich hab sie gefunden und ich hab ihr geschrieben. Welcher Teufel mich da gerade geritten hat, weiß ich noch nicht.
Keine Ahnung, ob das nu gut oder schlecht war.
Aber es ist so viel Zeit vergangen... drei Jahre seit dem letzten Kontakt. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir nun wieder gescheit miteinander umgehen können. Schließlich habe ich zuletzt immer öfter darüber nachgedacht.
Unschöner Nebeneffekt des ganzen: Vergangenheit ohne Ende.
Ich habe viele SMS von Somebody gefunden. Bis heute habe ich zwar keine Ahnung, wie der Kontakt überhaupt abreißen konnte, aber ich bin gerade sehr geschockt, über die Dinge, die ich las. Dinge, die ich vergessen hatte.
Wie sehr sie sich danach gesehnt hat, einfach lieb gehabt und geliebt zu werden. Wie verloren und einsam sie war... oder sich fühlte. Wie wir uns Halt gaben, wenn kein anderer mehr zu sehen war. Vier Jahre ist das her.
Heute erkenne ich, dass selbst Somebody mit ihren mittlerweile Ende 40 eigentlich auch immer noch Kind ist.
Kind im Körper einer Erwachsenen in einer Welt von Erwachsenen.
Ist das so? Werden wir tatsächlich niemals erwachsen? Damals hab ich das gar nicht so wahrgenommen. Heute las ich das Ganze mit anderen Augen und ziemlich viel Abstand. Ob sie ihre Liebe gefunden hat? Vielleicht ist das gar nicht möglich.
Und da ist er wieder, der Moment, in dem ich mich frage, wie die Leute lustig irgendwelche Statistiken erheben und sagen, so und so ist das. Punkt.
Viel zu theoretisch. Manche Dinge lassen sich theoretisch nicht erfassen. Aber der Mensch neigt dazu, alles was nicht passt, in irgendein Schema zu quetschen, ein bisschen zu drehen und am Ende zu behaupten, es passt doch. Damit sind dann wohl wir die, die nicht passen, weil wir zu dusselig für das Schema sind. Oder irgendwie so.
Eine SMS von Martina habe ich auch gefunden. Ich gebe den Wortlaut hier nicht wieder. Das käme mir vor, als würde ich eines der wenigen Andenken, die ich an sie habe, verschenken.
Ich bin noch immer nicht über ihren Tod hinweg. Wenn ich nicht gerade darüber verzweifel oder versuche, das in die hinterletzte Ecke zu drängen, frage ich mich ganz nüchtern, wann ich das wohl sein werde und fühle mich dabei ganz schlecht. Aber da dieser Fall sehr selten eintritt, muss ich mich nicht oft deshalb schlecht fühlen...
Im Moment siegt die Verzweiflung. Und die Faszination darüber, dass ich über ihren Tod immer noch so weine, wie in dem Moment, als ich erfuhr, dass sie nicht mehr aufwachen wird und wir nur warten können, dass sie stirbt. Das aber nur am Rande. Faszination kommt gegen Verzweiflung in dem Fall kaum an.
Das Leben ist zweifellos weiter gegangen. Das ändert aber nichts daran, dass all das noch immer in mir ist.
Das Leben geht weiter - was ist das überhaupt für ein blöder Spruch?! Klar tut es das. Wie könnte es auch einfach anhalten? Aber was tut das zur Sache? In diesem Fall nichts. Das Leben geht weiter mit der Gewissheit, das Freunde sterben, mit dem Schmerz darüber und mit noch mehr Angst vor Verlust.
Ich schaue nie wieder in alte Handys... so schnell zumindest nicht wieder.
Wie schnell sich die Dinge doch ändern können.
Noch vor 2 Wochen schrieb ich vom Ich-Sein und Wer-bin-ich-eigentlich.
Ich hatte einigermaßen klare Vorstellungen davon und plötzlich stehe ich vor einem zerschlagenen Spiegel, der mich nicht mehr erkennen lässt, wer sich da eigentlich spiegelt.
Schon lange wurde mein Ich nicht mehr so ins Wanken gebracht. War ich vorher nur stellenweise unsicher, so bin ich es jetzt durchgehend.
Wer bin ich??
Bin ich die, die andere sehen? Dann bin ich aber tausende auf einmal.
Gestern erfuhr ich, ich sei egoistisch, faul, aggressiv, immer ausrastend und so weiter.
Stimmt das?! Ich kann es noch nicht mal sagen.
Andere Stimmen sagen mir, ich habe ein großes Herz am rechten Fleck, bin liebenswert, freundlich, tough.
Ich selber halte mich für kompliziert. Nervig. Anstrengend. Aufdringlich. Anhänglich. Einsam. Überempfindlich. Unsicher - haaa!!
Das alleine sind schon 3 verschiedene Sadies. Zwei doofe Sadies, eine mit der man es irgendwie aushält.
Wie soll ich denn je meinen Platz finden, wenn ich mich noch nicht mal selber finde?
Wo gehör ich denn hin?
Wer zur Hölle bin ich??!
Ich frage mich wirklich, wie das ist, wenn man klare Vorstellungen von sich hat. Kann man sich wirklich kennen? Klar sehen?
Gibt es das?
Ruht man jemals in sich selber?
Reicht Vertrauen so weit, dass man sich seiner selbst und seinem Umfeld sicher sein kann? Dass Ängste kleiner werden?
Bitte, falls ein Normalsterblicher sich hierher verirrt... Antworten auf letzteren Absatz würden mich brennend interessieren.
Und noch mehr drauf. Und noch mehr und noch mehr.
Mutter: Hast du schon mit deinem Bruder gesprochen?
Ich: Nein.
Sie: Warum nicht?!! Du hast das versprochen!!
Ich: Ich habe gar nichts versprochen!!!
Sie: Ja und warum machste das nicht?!! Und der hat nächste Woche den Termin und du wolltest dich darum kümmern und du musst und die Zeit läuft...!!!
Ich: Ich muss überhaupt nichts!! *explodier* Schön, dass mal jemand von euch fragt, wie es mir eigentlich geht und ob ich dazu überhaupt in der Lage bin!!!
Sie: Klär das mit deinem Vater, ich bin nicht da.
Ja geil, wer ist denn erziehungsberechtigt? Wieso setzt man einfach voraus, dass ich mich mal eben um die weitere (Schul-)Laufbahn meines Bruder kümmer und mit ihm zu dem Termin gehe und zum nächsten und die Schule anrufe und die nächste und versuche, irgendwas zu retten?
Wieso lässt man mich damit einfach alleine?
Wieso dieses "Sadie macht das schon"?
Ich kann das gerade nicht, aber Hauptsache, die ganze Verantwortung liegt bei mir.
Telefonat geht weiter. Letzte Anweisungen vor Mutters dreiwöchigem Urlaub. Ganz normal. Ich hab mich äußerlich wieder eingekriegt.
Sie: Willste denn noch ein T-Shirt aus dem Urlaub haben?
Im Hintergrund ihr Arschlochfreund: Wat, schon wieder eins??
Ich tue als hätt ichs nicht gehört: Ja, ein Top wäre toll oder ein Armband...
Sie: Ich guck mal, was ich finde.
Wieso steht der seit ich denken kann über uns? Wieso darf er mich anbrüllen, er würde mir Schlampe, miesen Ratte, Arschloch alle Knochen brechen, wenn ich nicht aufpasse?
Wieso bin ich überhaupt eine Schlampe, eine miese Ratte und ein Arschloch?
Was hab ich denn gemacht?
Wieso hieß es damals, ich könnte unter ner Brücke schlafen gehen, wenn der mir nicht passt? Ich hab doch nur reagiert, auf seine Art mit uns umzugehen?
So schwer zu verstehen, dass ich ihn nicht über alle Maßen lieb habe??!
Wieso konnte er sie dazu bringen, dass ich innerhalb von nicht mal 24 Stunden zu Hause raus fliege?
Wie kann er es wagen, ihr in ihrer eigenen Wohnung ein Ultimatum zu stellen und wie kann sie es wagen, so vor ihm zu kuschen?!
Wie können all die anderen Ungeheuerlichkeiten geschehen sein, für die man mich am Ende ausschließlich verantwortlich macht?
Wieso erwartet man, dass ich trotz allem die Klappe halte und nett lächle und einen auf schicke, nette Familie mache, die wir alle niemals waren?
Wieso lässt man mich die ganze Zeit spüren, dass ich ein Nichts bin? Und wieso bin ich schon immer eins gewesen?
"Naaaa, wie gehts dir? Aller klar?"
-"Jop, alles gut, und selbst?"
*straaaahl*
"Hey, wie gehts dir denn?"
-"Joa, war schon mal besser aber passt schon"
*lächel*
"Gut sehen Sie aus, gehts Ihnen auch so?"
-"Ja klar, phantastisch!! Alles besssssstens!"
*aufmeinemgeschleimeausrutsch*
Baaaah, wenn ich könnte, wie ich wollte, dann würde ich mir dieses gottverdammte Lächeln selber aus dem Gesicht prügeln!!
Würde mir Stromschläge vom allerfeinsten verpassen, wenn ich es noch mal wage, so eine gequirlte Scheiße von mir zu geben, die vorne und hinten eh nicht stimmt.
Immer schön lächeln. Immer schön weiter gehen. Immer schön einfach machen. Immer schön so tun als ob. Immer schön stark tun.
Und im schlimmsten Falle sagen, ja nee, is kacke, aber direkt ein passt schon hinterher schieben.
Dieses ganze Trallallaaaa, das eigentlich keins ist, kostet nicht nur enorm Kraft - es macht auch enorm einsam.
Aber wäre das anders, wenn ich das Trallalla weg lassen würde? Wenn ich sagen würde, wie es denn wirklich ist?
Das überfordert Menschen. Das will keiner hören.
Früher oder später ergreifen sie die Flucht.
"Gooott, ist die kompliziert. Goooooott, die nervt!"
Stehste alleine da. Brauchste kein Trallalla mehr.
Einsam biste dann trotzdem.
Kann mir jemand sagen, was da nu richtig und falsch ist? Meine Augen sehen da weiß Gott keinen Unterschied.
Innerlich, äußerlich... eh alles der selbe Scheiß!!
"Und Frau R., wie geht es Ihnen?"
- "Ich bin sauer!"
"Das ist doch nichts Neues. Sie sind doch dauersauer..."
Vielleicht bin ich das wirklich. Ich glaube hinter Wut verstecke ich mich nur.
Wut lässt weniger hilflos fühlen. Wut macht erst ab einem bestimmten Punkt kraftlos. Bis dahin gibt sie Kraft, die einen vorwärts treibt. Wut gibt einem das Gefühl von Lebendigkeit. So lange, bis man zu lebendig wird und glaubt, man müsste platzen.
Wer je dahinter sehen wird, er wird erkennen, das meine Wut gar keine ist.
Ich habe mich damit getarnt.
Das ist das ganze Geheimnis.
Es ist verwunderlich, wie schönes plötzlich so weh tun kann.
Es fiel nur kurz auf. Bis deine Lakaien liefen.
Die machten weinen wollen. "Love me to the end" gab mir dann doch den Rest.
Zerrissen zwischen "ich gönne dir alles, was dich glücklich macht" und meiner eigenen Angst vor dem was kommt.
Du stehst neben mir und bist weiter weg als du es je warst. Ich sehe dich und kann dich doch nicht finden.
Erst jetzt, wo es unter mir knarrzt, bemerke ich, wie dünn der Boden noch immer unter meinen Füßen ist.
Aber wer leicht ist wie eine Feder, wird dennoch getragen werden. Der Sommer wird mich retten.
Gerade sitze ich vor meiner alten Schule.
Ich stelle fest, dass ich mich hier nicht mehr wohl fühle.
Das, was früher der sicherste Ort für mich war, weil zu Hause es einfach nicht war, hat sich zu etwas anderem verändert.
Erinnerungen an Zeiten, an die ich mich nicht zu tief erinnern möchte. Ebenso Erinnerungen an mich, wie ich damals war.
Ich möchte mich nicht erinnern.
Gleichzeitig stellt sich mir die Frage, wenn ich nicht mehr ich von damals bin - wer bin ich denn jetzt?
Klar, ich von heute, aber die Antwort ist nun wirklich nicht zufriedenstellend.
Ich weiß noch, wie schockiert ich damals in Münster war, als Anuschka mir erzählte, dass sie keine Ahnung hätte, wer sie eigentlich ist.
Ich stellte mir das so schrecklich vor, sich selber überhaupt nicht zu kennen.
Da hatte ich selber klare Vorstellungen davon, wer und wie ich war.
Blöd nur, dass mich das dazu veranlasste, mal genauer hinzuschauen von noch blöder, dass ich feststellen musste, dass ich mich all die Zeit geirrt hatte.
Ich war ein Phantom, das sich anpasste an die, die mir wichtig waren. Ich tat, was von mir erwartet wurde, in der Hoffnung, es ihnen recht zu machen.
Dass ich mich dabei völlig aus den Augen verloren hatte und noch dazu mein Plan nicht funktionierte, das hab ich gar nicht gesehen.
Es gab so viele Sadies. Nahezu für jeden eine andere. Und dass schlimme war, dass ich darüber verzweifelte, wenn es trotz meiner Chamäleon ähnlichen Bemühungen trotzdem nie funktionierte.
Dazu meine Tiefpunkte und die Mischung für unsagbare Katastrophen war perfekt.
Heute hat sich das gebessert. Es war gut, damals mit der Nase so heftig darauf gestoßen zu werden. Nur da, wo es Einsicht und Verstehen gibt, ist Veränderung erst möglich.
Darum Antwort auf meine eigene Frage von oben:
Ich habe keine Ahnung, ob ich heute durchgehend ich bin. Aber ich bin mehr ich, als ich es jemals zuvor war. Und noch viel wichtiger: ich bin mir darüber bewusster denn je.
Zurück zum Anfang: hier sitzen ergab demnächst Kaffee mit Frau Str., die mich damals auf einem enormen Stück Weg begleitet hat.
Ich glaube, sie wird stolz auf mich sein.
Ich liebe diese nächtlichen Telefonate mit N. zur Zeit.
Es hat etwas von Normalität. Still sind die Zweifelstimmen und Stürme und wenn ich vorher noch so sehr mitten drin war.
Es sind die gleichen Welten, die wir kennen.
Woran also zweifeln?
Da wo zwei vom gleichen Wesen aufeinander treffen, scheint das alles normal zu sein und man fühlt sich nicht wie der letzte Bock, der grade mit seiner verqueren Innerei alles aufmischt.
100%iges verstanden werden tut der Seele gut. Einfach so, ohne zu erklären und krampfhaft einen Anfang und richtige Worte suchen zu müssen.
Jemand, bei dem ich weiß, der kennt es auch.
Sie kommt mich besuchen.
Darauf freue ich mich unglaublich. Ich bin gespannt darauf, ein Gesicht zu der Stimme und den Buchstaben kennen zu lernen.
Und mit der Stimme von Peter Maffay im Kopf
"Ich wollte nie erwachsen sein
Hab immer mich zu Wehr gesetzt
Von außen wurd' ich hart wie Stein
Und doch hat man mich oft verletzt
Irgendwo tief in mir
Bin ich ein Kind geblieben
Erst dann, wenn ich's nicht mehr spüren kann
Weiß ich, es ist für mich zu spät"
sollte ich nun dieses angenehme Gespräch nehmen und damit ins Bett verschwinden und darüber einschlafen.
Wobei ich gerade denke, dass es sich eigentlich gar nicht mehr lohnt für 3 Stunden und überhaupt... Bin ich deshalb in mir nie erwachsen geworden, weil ich es außen viel zu früh sein musste?
Seit gestern Abend wird es stiller in mir.
Aber ich trau mich nicht genau hinzugucken, warum das so ist.
Zieht der Sturm in mir ab?
Wird er tatsächlich schwächer?
Oder sitze ich einfach nur im Zentrum eines Tornados?
So oder so bin ich froh, gerade ein wenig besser atmen zu können und die Zweifelstimmen nicht mehr so schreien zu hören. Es ist mehr ein Flüstern. Das dafür aber fast unaufhörlich.
In 20 Minuten spiele ich normales Leben. Wir müssen zum Tierarzt. Welch herrliche Ablenkung.
Wer hierbei Ironie sucht, wird keine finden. Es steckt keine drin.
Während ich -mittlerweile zu Hause angekommen- versuche, Ordnung in mein Innenleben zu bekommen, landeten meine Gedanken auch bei meinem "Ich will eine Insel sein".
Kritische Sadie hört da natürlich nicht auf zu denken.
Darum fiel ihr auch etwas auf.
Kein Wunder, dass ich es mir nicht vorstellen kann, wie es ohne all das wäre. Ich war doch schon immer so.
Im Kindergarten war ich immer wieder selbst gewählter Einzelgänger. Ich machte, dass andere weggehen. Alleine war es sicherer.
In der Grundschule nahm ich mir vor, dass ich nach dem Wechsel zum Gymnasium in die Nachbarstadt dort keine Freunde haben möchte. Sie waren gefährlich.
In der 6. Klasse war mein größter Berufswunsch der, Sennerin zu werden. Eine Horde Kühe auf der Alm, eine Hütte und ich. Keine Menschen. Kühe waren ungefährlicher.
Später wollte ich Busfahrer oder Truckerin werden. Ganz für mich alleine.
Heute baue ich Mauern. Ziehe Telefonstecker und verschließe Türen.
Ich habe längst erkannt, dass ich auch als Insel nicht klar käme. Ich brauche Menschen um mich. Wer auch nicht. Trotzdem muss ich eine sein... zumindest fühlt es sich so an.
Ich habe mir natürlich auch Gedanken darüber gemacht, warum das so ist.
Klar ist, dass Menschen, die einem nahe sind, am gefährlichsten werden können. Sie werden sogar gefährlich, obwohl sie vielleicht sogar harmlos sind. Einfach nur, weil ich spinne.
Je näher jemand dran ist, desto heftiger ist der Schlag vor den Kopf. Logisch. Sogar dann, wenn gar nicht geschlagen wird und ich Dämliche einfach nur selbst in nen Ellenbogen oder was auch immer reingerannt bin.
Werden sie über alle Maßen gefährlich oder spinne ich ganz gewaltig, muss ich weg.
Weiter. In dem Moment, wo ich Telefonstecker ziehe, bestimme ich, dass ich keinen Kontakt will. Ich erspare mir das Hoffen und Warten darauf, dass sich jemand meldet, weil ich allen die Möglichkeiten dazu nehme.
Ich bin nicht mehr so ausgeliefert.
Die Enttäuschung ist nicht mehr so groß. Dabei sei mal ganz dahin gestellt, ob ich überhaupt einen Grund für diese habe.
Oder die Angst. Oder die Verletzung oder was auch immer gerade die treibende Kraft ist.
Noch weiter. Einfach um nicht vollends abzudrehen. Vor allem dann, wenn man keine Möglichkeit hat, sich zu erklären und noch besser dann, wenn man -durchgeknallt wie man mittlerweile eh schon ist- in dem Glauben ist, man kann es nur nicht, weil wer auch immer nicht will.
Risiko: Man kann vielleicht nie mehr zurück.
Weiter bin ich noch nicht, aber immerhin ein Anfang, mal in mir drin aufzuräumen.
Das wird nicht alles gewesen sein. Aber alles auf einmal will grad nicht.
Manchmal frage ich mich, wie das wohl ist.
Wie würde es sein, wenn ich nicht ich wäre?
Wenn mein Kopf nicht tagtäglich so viel Misstrauen und so viele Dramen produzieren würde, die es ständig in Schach zu halten gilt.
Wenn ich keine fehlproduzierte Alarmanlage wäre?
Wenn nicht überall um mich rum alte Gespenster schwebten, die irgendwann so mächtig werden, dass man sie nicht mehr ignorieren kann.
Wenn nicht dieses dunkle Ding in mir wäre, das ich nicht loswerden kann wie es scheint.
Wenn alle Kontrolle für immer in meiner Hand läge.
Ich kann es mir gar nicht vorstellen. Kein Wunder also, das ich mildes Lächeln ernte.
Woher sollten andere Vorstellungen haben wenn ich doch auch keine habe.
Es stimmt, ich bin weit gekommen in den letzten Jahren. Aber ich muss noch weiter. Ich bin immer noch nicht weit genug.
In diesen Zeiten sitzt der Schock über mich selber tief. Nur weil etwas altbekannt ist, hat man sich noch lange nicht daran gewöhnt.
Aber ich WILL mich auch nicht daran gewöhnen.
Gerade sitze ich mitten in der Stadt. Alleine an belebten Plätzen zu sein verschafft Linderung. Unter Menschen sein und dennoch ohne jemanden in meine Nähe lassen zu müssen.
Es ist so herrlich leicht und ungefährlich hier.
Ich schaue mir die Menschen an, die an mir vorüber gehen. Schnappe hier und das einige zusammenhanglose Gesprächsfetzen auf. Blicke den Menschen in die Augen und versuche mir vorzustellen, wer sie sind und wie sie leben. Was sie erlebt haben. Ob sie glücklich sind und ahnungslos.
Oder kennen sie meine Welt und das wütende, innere Dunkel genau so gut?
Wenn ich könnte würde ich ewig hier sitzen bleiben. Ein schwächer Ersatz für die einsame Zelt- und Rucksacktour, die ich schon lange mal wieder bräuchte und die ich mir nicht leisten kann.
Ich versuche zufrieden zu sein. Ein schwacher Trost ist besser als keiner.
Die Sonne scheint.
Manchmal schaue ich in den Himmel und wünsche mir, ich würde sie dort oben sehen.
Ich wünsche mir die Erfüllung der schönen Version, die sagt, dass Menschen, die man geliebt hat, nach ihrem Tod dort oben sind und auf uns herab sehen.
Vielleicht sogar auf einer Wolke sitzend und Harfe spielend.
Ich schaue in den letzten Tagen so oft dort hoch... und ich finde sie dort einfach nicht.
Martina ist fort. Sie ist immer noch fort und ich kann sie nicht finden.
Ich kann sie nicht sehen.
Ich kann sie nicht hören.
Ich kann sie nicht besuchen.
Ich kann sie nicht anrufen.
Sie kommt nicht wieder und ich kann es immer noch nicht begreifen.
Es ist heute wie damals. Es hat sich nichts verändert.
Fassungslos schaue ich auf die Lücke, die an ihre Silhouette erinnert, und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als das sich ihre Leere wieder mit Leben füllt.
Aber sie bleibt einfach leer.
Was bleibt sind Erinnerungen und Orte, die uns verbanden. Beides stürzt mich in so tiefe Verzweiflung, dass ich das Gefühl habe, ich verliere den Verstand.
Bis heute war ich nicht an ihrem Grab. Ich habe Angst vor dem, was mit mir geschieht, wenn ich dort stehe.
Immer wieder kommen die Momente, in denen ich denke "Martina anrufen!".
Manchmal direkt gefolgt vom Erkennen der Unmöglichkeit und manchmal begleitet von dem tröstenden Wahn, ich müsste nur ihre Nummer wählen und sie würde abheben und mich zusammenfalten, weil ich so lange nicht dort war.
Aber irgendwann holt einen die Erkenntnis ein. So oder so.
Die äußere Welt steht schon lange nicht mehr still. Wahrscheinlich tat sie das nie. Sie folgt den Gesetzen des Universums und dreht sich wie eh und je. Ohne Rücksicht auf Einzelschicksale.
Meine Welt steht noch immer.
Ich wünsche mir meine Freundin zurück.