Freitag, 8. Februar 2008

Tag 3

Außenaktivität bei straaaahlendem Sonnenschein. Total schön, alle Mann ins Eiscafé. Da die Thera nicht viel älter ist als wir, fiel gar nicht auf, was für eine Truppe wir sind *lach*
Ansonste... Puzzlen... Einzel... Blitzlicht... nix spektakuläres. Ich denke, dass es nächste Woche richtig los geht und ich anfangs ein wenig gestresst bin von dem vollen Plan... aber schließlich wollte ich ihn so voll ;-)
Oh, und das beste: der nette Herr H. ist endlich wieder gesund. Der beste von dem ganzen Pflegepersonalhaufen :-) Ja, der darf mich öfter morgens wecken :-)

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Sadiie - 8. Feb, 22:04

Da werden demnächst ernste Worte gesprochen werden müssen.
Man stelle sich vor:
Außenaktivität. Mitpatientin, etwas jünger als ich, kommt zu mir, die ebenfalls zeitweise mit dem Thema zu kämpfen hat, und sagt folgendes: "Ich habs schon wieder gemacht!" (sich selbst verletzt) mit einem Ton in der Stimme, der sagt "Beachte mich, das ist wichtig und ich bin jetzt was Besonderes". Und weiter, als ich nicht reagierte, krämpelt sie den Ärmel hoch und sagt "Guck, da. Ich hab nen Verband drüber gemacht!" Schön Mädchen, haste gut gemacht. Darüber darfst du mit mir aber gar nicht sprechen.
Ich ging von dem Eiscafé direkt in die Stadt, sie ein Stück mit mir. Macht Verband wieder ab, wurschtelt da am Arm rum und meint "Das soll endlich aufhören zu bluten!" Ich seh's mir gar nicht erst an und sag auch nix dazu.
Dann, beim Abendessen: "Ich will nicht nach vorne gehen und denen das sagen müssen..."
Maaaaaaann!!!! Ich bin selber nicht ohne Grund da und da kann ich es nicht haben, wenn man mir davon eine Klinke ans Ohr erzählt. Das ist sowieso verboten, eigentlich müsste ich das dem Pflegepersonal melden.
Und dieser Unterton in der Stimme. Wenn sie wenigstens nicht so verflucht stolz dabei klingen würde!! Da ist nix, worauf man stolz sein kann. Bin ich auch nicht. und renne nicht durch die Welt und strecke denen, die mir begegnen, blutigen Arm entgegen!
Nee, da muss ich mal ernstes Wörtchen mit der reden, so geht das nicht. Ich brauch meine Kraft für mich selber. Ich bin nämlich zufällig da, um was zu ändern und weiterzukommen und nicht um mich wichtig zu machen und bemitleiden zu lassen. Punkt!

Schlappohr (Gast) - 9. Feb, 00:10

Dein letzter Absatz genau den sagst Du ihr und am besten in dem Ton in dem du ihn gedacht hast, als du ihn vorhin geschrieben.

Ansonsten, ich glaub nicht das sie stolz war oder ist. Aufmerksamkeit haben wollen, ja auf jeden Fall. Aber... hmmm ich muss da mal etwas tiefer drüber nachdenken, bzw. mich wieder hinein versetzen, in diese Situation. Es ist... ich meine ich hatte auch mal so etwas, also nicht sowas, aber solch ein Verhalten. Ist aber verflucht lange her, sehr sehr lange und .. oops, eine Situation ist mir eben wieder eingefallen.
Mal schauen was beim Denken so rausfällt, hinten. :)
Schlappohr (Gast) - 9. Feb, 01:04

Gedicht - Neues Erleben

Wieder seh ich Schleier sinken,
Und Vertrautestes wird fremd,
Neue Sternenräume winken,
Seele schreitet traumgehemmt.

Abermals in neuen Kreisen
Ordnet sich um mich die Welt,
Und ich seh mit eitlen Weisen
Als ein Kind hineingestellt.

Doch aus früheren Geburten
Zuckt entfernte Ahnung her:
Sterne sanken, Sterne wurden,
Und der Raum war niemals leer.

Seele beugt sich und erhebt sich,
Atmet in Unendlichkeit,
Aus zerrißnen Fäden webt sich
Neu und schöner Gottes Kleid.

(Hermann Hesse)
===========================

Ich hab es erst beim dritten Lesen, eben, im richtigen Ton und Tempo gelesen und dann verstanden. Gedichte kann man auf vielerlei Art lesen, aber nur auf wenige die wirkiich richtig sind. Wobei es darauf nicht ankommt, denn Botschaft entsteht auch aus Erwartungshaltungen (heraus).

Ich mag mich nicht mehr in diese Situationen hineindenken. Es ist lange her und manches auch nicht.
Aber es war niemals schön, das weiß ich. Und ich bin immer vor dieser Erinnerung und dem Erleben dabei und dahinter zurückgeschreckt, wohl weil ich es nie verstanden habe. Weil eine dahinterstehende, das Eigentliche!, Angst zu deutlich und auch heute noch manchmal, oder oft?, wirkt.

Es war letztes Jahr, oder halt, es war Ende 2006, wenn ich nicht sehr irre (oller Sam Hawkins [Karl May], oller Karl May) als ich.. oder war es doch 2007?, als ich jedenfalls die Angst erkannte.
Es war damals trotz und er wurde geboren aus Angst und Wut. Wut alleingelassen worden zu sein, sich verraten gefühl zu haben, hilflos, unendlich hilflos. Und Angst es könnte wieder geschehen.
Ich war 5 oder 6 Jahre alt, ich vergesse es immer wieder, liegt an einem Auto das ich damals geschenkt bekam, ich hab es noch heute, wenn auch nicht hier.
Ich war in Münster, in der Augenklinik, das Gebäude stand damals schon, hinten an der Domagkstraße, südlich des Coesfelder Kreuzes. Das wurde damals gerade gebaut, das westliche Münster am Kern der Uni war eine einzige Baustelle, aber hintenraus war es ruhig. Die Kinderstation war im zweiten Stock. Ich war dort für die Schiel-OP, Augen wieder gerade machen.

Kinder, v.a. kleine Kinder sind ja noch nicht erwachsen, man muss alles für sie vordenken... und so spricht man nicht wirklich mit ihnen, nicht von Mensch zu Mensch, sondern wie zu einem Tier, das man dann doch an der Leine passend hinzieht. Vielleicht ist das bei den meisten kleinen Kindern so, aber ich war kein normales kleines Kind, sondern Kind das schon sehr früh, sehr erwachsen war, im Geist und schon damals die Frage stellte >> was ist dahinter? Was ist die Welt? WAS ist dahinter, wenn man an der "Wand" angekommen ist?? << und sie nicht beantwortet bekam, denn ich war ja noch oder nur ein kleines Kind.

Betäubung, Schlaf, Aufwachen -
Rückenlage, ich war damals ein Bauchschläfer, auf dem Rücken habe ich mich nie wohl gefühlt
Augen verbunden, nichts Sehen, nur Hören
Augen jucken aber man kann nichts dagegen tun weil..
die Hände sind am Bett festgeschnallt, bewegen, sich auf den Bauch legen, auf die Seite, sich kratzen, irgendwas.. es geht nicht. Kinder sind ja so unerwachsen. Denen kann man nicht trauen.

Es war ein Drama. In meinem Kopf, im Zimmer, in meiner Welt.
Und meine Mutter konnte nichts tun, sie konnte auch nicht ständig da sein.
Drama.

Es war das zweite Erlebnis eines Krankenhauses für mich, das kleine Kind.
Damals hat sich endgültig etwas verbogen, verändert. Ich habe mich verändert, endgültig.

Ich bekam eine Figur aus der Sesamstraße geschenkt, den Ernie.
Es gibt ihn noch heute.
Aber ich weiß noch genau, ich habe ihn nie ausgepackt. Ich wollte ihn nicht haben, obwohl er immer mein "Held" war, damals.
Trotz, purer Trotz, ich wollte ihn nicht haben. Er, der Held, der Kicherer, MEIN Held, war nichts mehr wert. Nein schlimmer, er war mit einem Mal Ausdruck von etwas das mir angetan worden war. Etwas wogenen ich mich nicht hatte wehren können. Und mir war nicht vertraut worden, abgesprochen worden, das ich mir mir selber verantwortungsbewußt umgehen könne.

Ich habe den Ernie gehasst.
Selbst als ich wieder zuhause war, habe ich ihn nicht ausgepackt, obwohl ich ihn so gerne haben wollte, meinen Held. Aber beides zusammen ging nicht. Da war dieser Trotz, diese WUT in mir, sie kochte, wenn auch im Verborgenen und ich wartete darauf, so sehnsüchtig, doch endlich verstanden zu werden, endlich (wieder) ich sein können, zu dürfen.
Doch ich wurde (einmal mehr) nicht verstanden.

Ich drohte damit den Ernie in den Ofen zu tun, ihn zu verbrennen, dann müssten sie mir einen neuen kaufen, weil er war ja MEIN Geschenk.

Ich weiß heute nicht mehr ob ich diese Drohung jemals ausgesprochen habe, aber ich weiß da ich ihn mal über den Ofen gehalten habe. Das kleine Kind...
Genauso wie ich einmal... aber darüber spreche ich nicht. Zu niemandem, außer ... es gab einen Menschen, aber sie schreibt mir nicht mehr.


Diese Sache hat mich über die Zeiten, mittlerweile sind es ZWEI Jahrzehnte, immer wieder verfolgt und eingeholt und ich habe erst vor wenigen Jahren, im zuge der Aufarbeitung dessen was mir vor 2,5 Jahren passierte, das erste Mal meiner Mutter davon erzählt.
Ich konnte nie darüber sprechen, nicht mal mit mir selber, nicht mal zu mir selber.
Wenn ich auch nur versuchte mich wieder in diese Sache zu versetzen, diese Gefühle wieder aufzurufen, um sie endlich zu verstehen und mit ihnen umgehen zu können, es ging nicht, es rieß mich nieder, es warf mich nieder.
Unmöglich.


Ich glaube das war es.
Das war ein, wenn auch nur zaghaftes, sich hineinversetzen. Ich wollte es eben gar nicht, aber als ich das Gedicht geschrieben hatte, da begannen die Gedanken wieder zu fliessen und auf einmal war es da, das Tor und ich öffnete sie, blickte in die Vergangenheit aber aus einer ausreichenden Distanz heraus.
Schreiben als Ablenkung.

Diese Sache bzw. ihre Folgen, bestimmen mein Handeln, oder vielmehr auch Nichthandeln bis zum heutigen Tag.
Ich warte auf den Menschen der mir hilft die Folgen zu überwinden, einfach indem er da ist und es versteht, wirklich und richtig versteht.
Dann wird es vorbei sein.
Hoffentlich.
Ja.

========================

Und wie ich eben sehe das ich eine nach unten spitze Pyramide schreibe, die ich dann auch vollenden möchte, das "Ja" schreibe, erklingt der Schluß von der Musik die ich gerade höre.
Talk Talk, das wohl letzte Konzert das sie gegebem haben, London 1986. Die CD dazu kam erst sehr sehr viel später raus. Ich habe sie damals leider nicht gekauft, weil ich dachte ich hab ja eh alles von denen, wieso also...
Fehler! Weil auf dieser CD kommen die besten Stücke von ihnen so unvergleich anders und einfach am besten rüber, ich liebe diese Musik aufs Neue.
Als ich anfing zu schreiben, lief "Tomorrow started" und eben ging es zuende mit "Renee".


Deine leidende Mitpatientin will vielleicht nichts anderes als ich damals. Doch wenn es so ist, wird sie es erst bekommen oder finden, wenn sie sich dem stellt was sie im Untergrund bestimmt. Wenn sie lernt sich selber zu hören und zu verstehen. Wenn sie bereit dazu ist und genug entwickelt und vielleicht wenn sie den richtigen Menschen hat, der die nötige Sprache spricht, oder fühlt.

Vielleicht.

PS: Unglaublich passender Betreff! Das hat Hermann Hesse aber gut eingefädelt. ;)

PPS: Deep inside the forrest, is a door into another land. Here is our life and home, we are staying here forever in the beauty of this place all alone, we keep on hoping.

Maybe, there´s a world we don´t have to ...
There´s a time we call our own, life in free in harmony and majesty - take me home, take me home

Das war die erste Strophe mit Refrain von einem der bewegendsten Lieder aus meiner Kind- und Jugendzeit.
Maybe von Thom Pace. Es war die Titelmelodie von einer der schönsten Fernsehserien dei ich je gesehen habe - "Der Mann in den Bergen", die Geschichte von Grizzly Adams.
Du findest Szenen und v.a. diese Musik bei Youtube.
S-Ohr (Gast) - 9. Feb, 01:10

Hinweis

Lange Texte kann man ausdrucken, bestimmt auch in I-net Cafés. Und dann später, oder wo es einem gefällt, auf ner Bank in der Promenade? so oft und genau lesen, wie es einem gefällt.

Ich will eeeeeeendlich mal wieder nach Münster, aber ohne Hetze und Plan, wie beim letzten Mal. Da reichte es nur bis Mauritz und der Tag war rum ehe ich dort wieder wegkam und ich war nicht wirklich in MS.
Mal sehen, wird sich in nächster Zeit sicherlich mal irgendwie wirklich ergeben. Mir fehlt mittlerweile das Gefühl dort zu sein, war immer schön. Wenngleich es einem erst bewußt wird, wenn man es nicht mehr hat, nicht mehr dort ist.
Ich bereue heute, würde vieles anders machen, wenn heute damals wäre, als ich dort an der Uni war.
Aber damals war ich nicht der, der ich heute bin.
Schade eigentlich. Wären wie eher die, die wir werden, könnten wir sein, wer wir eigentlich sind. Oder so ähnlich. ;)
Rumpelwald - 9. Feb, 14:54

Ein herzliches HUHU ins Sadiieland :)
Ich bin noch so neu in deiner Welt hier, und ich fand es einfach nicht richtig dich zu fragen wohin du fährst! Es war nur ein Gefühl in mir, dass sich einfach nicht entscheiden konnte zwischen Thera und Kur...
Und das mit dem Schneiden... *puh*
Also, meine engsten Freundinnen schneiden sich, bzw HABEN sich geschnitten. Gefahrensituationen kommen immer mal wieder...
Ich teile deine Ansichten sehr, halte es für richtig wie du mit dem Mädel da umgingst.
Ich wünsche dir Kraft in Form von Engeln, Selbstvertrauen und der Badewanne in deiner kleinen Kiste! ;)
Hier sind gute Menschen die an dich denken weil sie dich mögen, und das ist etwas ganz Besonderes!
Ich wünsche dir dass die Sonne da draußen auch in deinem Herzen die Blümchen zum Blühen bringt!
*Rumpelnutellabrot zu dir rüberschieb*

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