Der Sinn und das Leben
"Naaaa, wie gehts dir? Aller klar?"
-"Jop, alles gut, und selbst?"
*straaaahl*
"Hey, wie gehts dir denn?"
-"Joa, war schon mal besser aber passt schon"
*lächel*
"Gut sehen Sie aus, gehts Ihnen auch so?"
-"Ja klar, phantastisch!! Alles besssssstens!"
*aufmeinemgeschleimeausrutsch*
Baaaah, wenn ich könnte, wie ich wollte, dann würde ich mir dieses gottverdammte Lächeln selber aus dem Gesicht prügeln!!
Würde mir Stromschläge vom allerfeinsten verpassen, wenn ich es noch mal wage, so eine gequirlte Scheiße von mir zu geben, die vorne und hinten eh nicht stimmt.
Immer schön lächeln. Immer schön weiter gehen. Immer schön einfach machen. Immer schön so tun als ob. Immer schön stark tun.
Und im schlimmsten Falle sagen, ja nee, is kacke, aber direkt ein passt schon hinterher schieben.
Dieses ganze Trallallaaaa, das eigentlich keins ist, kostet nicht nur enorm Kraft - es macht auch enorm einsam.
Aber wäre das anders, wenn ich das Trallalla weg lassen würde? Wenn ich sagen würde, wie es denn wirklich ist?
Das überfordert Menschen. Das will keiner hören.
Früher oder später ergreifen sie die Flucht.
"Gooott, ist die kompliziert. Goooooott, die nervt!"
Stehste alleine da. Brauchste kein Trallalla mehr.
Einsam biste dann trotzdem.
Kann mir jemand sagen, was da nu richtig und falsch ist? Meine Augen sehen da weiß Gott keinen Unterschied.
Innerlich, äußerlich... eh alles der selbe Scheiß!!
"Und Frau R., wie geht es Ihnen?"
- "Ich bin sauer!"
"Das ist doch nichts Neues. Sie sind doch dauersauer..."
Vielleicht bin ich das wirklich. Ich glaube hinter Wut verstecke ich mich nur.
Wut lässt weniger hilflos fühlen. Wut macht erst ab einem bestimmten Punkt kraftlos. Bis dahin gibt sie Kraft, die einen vorwärts treibt. Wut gibt einem das Gefühl von Lebendigkeit. So lange, bis man zu lebendig wird und glaubt, man müsste platzen.
Wer je dahinter sehen wird, er wird erkennen, das meine Wut gar keine ist.
Ich habe mich damit getarnt.
Das ist das ganze Geheimnis.
Es ist verwunderlich, wie schönes plötzlich so weh tun kann.
Es fiel nur kurz auf. Bis deine Lakaien liefen.
Die machten weinen wollen. "Love me to the end" gab mir dann doch den Rest.
Zerrissen zwischen "ich gönne dir alles, was dich glücklich macht" und meiner eigenen Angst vor dem was kommt.
Du stehst neben mir und bist weiter weg als du es je warst. Ich sehe dich und kann dich doch nicht finden.
Erst jetzt, wo es unter mir knarrzt, bemerke ich, wie dünn der Boden noch immer unter meinen Füßen ist.
Aber wer leicht ist wie eine Feder, wird dennoch getragen werden. Der Sommer wird mich retten.
Gerade sitze ich vor meiner alten Schule.
Ich stelle fest, dass ich mich hier nicht mehr wohl fühle.
Das, was früher der sicherste Ort für mich war, weil zu Hause es einfach nicht war, hat sich zu etwas anderem verändert.
Erinnerungen an Zeiten, an die ich mich nicht zu tief erinnern möchte. Ebenso Erinnerungen an mich, wie ich damals war.
Ich möchte mich nicht erinnern.
Gleichzeitig stellt sich mir die Frage, wenn ich nicht mehr ich von damals bin - wer bin ich denn jetzt?
Klar, ich von heute, aber die Antwort ist nun wirklich nicht zufriedenstellend.
Ich weiß noch, wie schockiert ich damals in Münster war, als Anuschka mir erzählte, dass sie keine Ahnung hätte, wer sie eigentlich ist.
Ich stellte mir das so schrecklich vor, sich selber überhaupt nicht zu kennen.
Da hatte ich selber klare Vorstellungen davon, wer und wie ich war.
Blöd nur, dass mich das dazu veranlasste, mal genauer hinzuschauen von noch blöder, dass ich feststellen musste, dass ich mich all die Zeit geirrt hatte.
Ich war ein Phantom, das sich anpasste an die, die mir wichtig waren. Ich tat, was von mir erwartet wurde, in der Hoffnung, es ihnen recht zu machen.
Dass ich mich dabei völlig aus den Augen verloren hatte und noch dazu mein Plan nicht funktionierte, das hab ich gar nicht gesehen.
Es gab so viele Sadies. Nahezu für jeden eine andere. Und dass schlimme war, dass ich darüber verzweifelte, wenn es trotz meiner Chamäleon ähnlichen Bemühungen trotzdem nie funktionierte.
Dazu meine Tiefpunkte und die Mischung für unsagbare Katastrophen war perfekt.
Heute hat sich das gebessert. Es war gut, damals mit der Nase so heftig darauf gestoßen zu werden. Nur da, wo es Einsicht und Verstehen gibt, ist Veränderung erst möglich.
Darum Antwort auf meine eigene Frage von oben:
Ich habe keine Ahnung, ob ich heute durchgehend ich bin. Aber ich bin mehr ich, als ich es jemals zuvor war. Und noch viel wichtiger: ich bin mir darüber bewusster denn je.
Zurück zum Anfang: hier sitzen ergab demnächst Kaffee mit Frau Str., die mich damals auf einem enormen Stück Weg begleitet hat.
Ich glaube, sie wird stolz auf mich sein.
Ich liebe diese nächtlichen Telefonate mit N. zur Zeit.
Es hat etwas von Normalität. Still sind die Zweifelstimmen und Stürme und wenn ich vorher noch so sehr mitten drin war.
Es sind die gleichen Welten, die wir kennen.
Woran also zweifeln?
Da wo zwei vom gleichen Wesen aufeinander treffen, scheint das alles normal zu sein und man fühlt sich nicht wie der letzte Bock, der grade mit seiner verqueren Innerei alles aufmischt.
100%iges verstanden werden tut der Seele gut. Einfach so, ohne zu erklären und krampfhaft einen Anfang und richtige Worte suchen zu müssen.
Jemand, bei dem ich weiß, der kennt es auch.
Sie kommt mich besuchen.
Darauf freue ich mich unglaublich. Ich bin gespannt darauf, ein Gesicht zu der Stimme und den Buchstaben kennen zu lernen.
Und mit der Stimme von Peter Maffay im Kopf
"Ich wollte nie erwachsen sein
Hab immer mich zu Wehr gesetzt
Von außen wurd' ich hart wie Stein
Und doch hat man mich oft verletzt
Irgendwo tief in mir
Bin ich ein Kind geblieben
Erst dann, wenn ich's nicht mehr spüren kann
Weiß ich, es ist für mich zu spät"
sollte ich nun dieses angenehme Gespräch nehmen und damit ins Bett verschwinden und darüber einschlafen.
Wobei ich gerade denke, dass es sich eigentlich gar nicht mehr lohnt für 3 Stunden und überhaupt... Bin ich deshalb in mir nie erwachsen geworden, weil ich es außen viel zu früh sein musste?
Seit gestern Abend wird es stiller in mir.
Aber ich trau mich nicht genau hinzugucken, warum das so ist.
Zieht der Sturm in mir ab?
Wird er tatsächlich schwächer?
Oder sitze ich einfach nur im Zentrum eines Tornados?
So oder so bin ich froh, gerade ein wenig besser atmen zu können und die Zweifelstimmen nicht mehr so schreien zu hören. Es ist mehr ein Flüstern. Das dafür aber fast unaufhörlich.
In 20 Minuten spiele ich normales Leben. Wir müssen zum Tierarzt. Welch herrliche Ablenkung.
Wer hierbei Ironie sucht, wird keine finden. Es steckt keine drin.
Während ich -mittlerweile zu Hause angekommen- versuche, Ordnung in mein Innenleben zu bekommen, landeten meine Gedanken auch bei meinem "Ich will eine Insel sein".
Kritische Sadie hört da natürlich nicht auf zu denken.
Darum fiel ihr auch etwas auf.
Kein Wunder, dass ich es mir nicht vorstellen kann, wie es ohne all das wäre. Ich war doch schon immer so.
Im Kindergarten war ich immer wieder selbst gewählter Einzelgänger. Ich machte, dass andere weggehen. Alleine war es sicherer.
In der Grundschule nahm ich mir vor, dass ich nach dem Wechsel zum Gymnasium in die Nachbarstadt dort keine Freunde haben möchte. Sie waren gefährlich.
In der 6. Klasse war mein größter Berufswunsch der, Sennerin zu werden. Eine Horde Kühe auf der Alm, eine Hütte und ich. Keine Menschen. Kühe waren ungefährlicher.
Später wollte ich Busfahrer oder Truckerin werden. Ganz für mich alleine.
Heute baue ich Mauern. Ziehe Telefonstecker und verschließe Türen.
Ich habe längst erkannt, dass ich auch als Insel nicht klar käme. Ich brauche Menschen um mich. Wer auch nicht. Trotzdem muss ich eine sein... zumindest fühlt es sich so an.
Ich habe mir natürlich auch Gedanken darüber gemacht, warum das so ist.
Klar ist, dass Menschen, die einem nahe sind, am gefährlichsten werden können. Sie werden sogar gefährlich, obwohl sie vielleicht sogar harmlos sind. Einfach nur, weil ich spinne.
Je näher jemand dran ist, desto heftiger ist der Schlag vor den Kopf. Logisch. Sogar dann, wenn gar nicht geschlagen wird und ich Dämliche einfach nur selbst in nen Ellenbogen oder was auch immer reingerannt bin.
Werden sie über alle Maßen gefährlich oder spinne ich ganz gewaltig, muss ich weg.
Weiter. In dem Moment, wo ich Telefonstecker ziehe, bestimme ich, dass ich keinen Kontakt will. Ich erspare mir das Hoffen und Warten darauf, dass sich jemand meldet, weil ich allen die Möglichkeiten dazu nehme.
Ich bin nicht mehr so ausgeliefert.
Die Enttäuschung ist nicht mehr so groß. Dabei sei mal ganz dahin gestellt, ob ich überhaupt einen Grund für diese habe.
Oder die Angst. Oder die Verletzung oder was auch immer gerade die treibende Kraft ist.
Noch weiter. Einfach um nicht vollends abzudrehen. Vor allem dann, wenn man keine Möglichkeit hat, sich zu erklären und noch besser dann, wenn man -durchgeknallt wie man mittlerweile eh schon ist- in dem Glauben ist, man kann es nur nicht, weil wer auch immer nicht will.
Risiko: Man kann vielleicht nie mehr zurück.
Weiter bin ich noch nicht, aber immerhin ein Anfang, mal in mir drin aufzuräumen.
Das wird nicht alles gewesen sein. Aber alles auf einmal will grad nicht.
Manchmal frage ich mich, wie das wohl ist.
Wie würde es sein, wenn ich nicht ich wäre?
Wenn mein Kopf nicht tagtäglich so viel Misstrauen und so viele Dramen produzieren würde, die es ständig in Schach zu halten gilt.
Wenn ich keine fehlproduzierte Alarmanlage wäre?
Wenn nicht überall um mich rum alte Gespenster schwebten, die irgendwann so mächtig werden, dass man sie nicht mehr ignorieren kann.
Wenn nicht dieses dunkle Ding in mir wäre, das ich nicht loswerden kann wie es scheint.
Wenn alle Kontrolle für immer in meiner Hand läge.
Ich kann es mir gar nicht vorstellen. Kein Wunder also, das ich mildes Lächeln ernte.
Woher sollten andere Vorstellungen haben wenn ich doch auch keine habe.
Es stimmt, ich bin weit gekommen in den letzten Jahren. Aber ich muss noch weiter. Ich bin immer noch nicht weit genug.
In diesen Zeiten sitzt der Schock über mich selber tief. Nur weil etwas altbekannt ist, hat man sich noch lange nicht daran gewöhnt.
Aber ich WILL mich auch nicht daran gewöhnen.
Gerade sitze ich mitten in der Stadt. Alleine an belebten Plätzen zu sein verschafft Linderung. Unter Menschen sein und dennoch ohne jemanden in meine Nähe lassen zu müssen.
Es ist so herrlich leicht und ungefährlich hier.
Ich schaue mir die Menschen an, die an mir vorüber gehen. Schnappe hier und das einige zusammenhanglose Gesprächsfetzen auf. Blicke den Menschen in die Augen und versuche mir vorzustellen, wer sie sind und wie sie leben. Was sie erlebt haben. Ob sie glücklich sind und ahnungslos.
Oder kennen sie meine Welt und das wütende, innere Dunkel genau so gut?
Wenn ich könnte würde ich ewig hier sitzen bleiben. Ein schwächer Ersatz für die einsame Zelt- und Rucksacktour, die ich schon lange mal wieder bräuchte und die ich mir nicht leisten kann.
Ich versuche zufrieden zu sein. Ein schwacher Trost ist besser als keiner.
Die Sonne scheint.
Manchmal schaue ich in den Himmel und wünsche mir, ich würde sie dort oben sehen.
Ich wünsche mir die Erfüllung der schönen Version, die sagt, dass Menschen, die man geliebt hat, nach ihrem Tod dort oben sind und auf uns herab sehen.
Vielleicht sogar auf einer Wolke sitzend und Harfe spielend.
Ich schaue in den letzten Tagen so oft dort hoch... und ich finde sie dort einfach nicht.
Martina ist fort. Sie ist immer noch fort und ich kann sie nicht finden.
Ich kann sie nicht sehen.
Ich kann sie nicht hören.
Ich kann sie nicht besuchen.
Ich kann sie nicht anrufen.
Sie kommt nicht wieder und ich kann es immer noch nicht begreifen.
Es ist heute wie damals. Es hat sich nichts verändert.
Fassungslos schaue ich auf die Lücke, die an ihre Silhouette erinnert, und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als das sich ihre Leere wieder mit Leben füllt.
Aber sie bleibt einfach leer.
Was bleibt sind Erinnerungen und Orte, die uns verbanden. Beides stürzt mich in so tiefe Verzweiflung, dass ich das Gefühl habe, ich verliere den Verstand.
Bis heute war ich nicht an ihrem Grab. Ich habe Angst vor dem, was mit mir geschieht, wenn ich dort stehe.
Immer wieder kommen die Momente, in denen ich denke "Martina anrufen!".
Manchmal direkt gefolgt vom Erkennen der Unmöglichkeit und manchmal begleitet von dem tröstenden Wahn, ich müsste nur ihre Nummer wählen und sie würde abheben und mich zusammenfalten, weil ich so lange nicht dort war.
Aber irgendwann holt einen die Erkenntnis ein. So oder so.
Die äußere Welt steht schon lange nicht mehr still. Wahrscheinlich tat sie das nie. Sie folgt den Gesetzen des Universums und dreht sich wie eh und je. Ohne Rücksicht auf Einzelschicksale.
Meine Welt steht noch immer.
Ich wünsche mir meine Freundin zurück.
Manchmal ist es gar zu verwunderlich.
Man schaut auf sein Leben zurück und sieht, wo man einst stand und bemerkt, wo man im Augenblick steht und man hat keine Ahnung, wie man dort hin geraten ist.
Mehr noch, man hatte noch nicht mal die Ahnung, oder gar die Vorstellung von den Dingen, die man in der Zwischenzeit erlebt hat und dem Punkt, an dem man sich plötzlich wieder findet.
Manchmal wünsche ich mir die Naivität der Kindheit zurück. Den Glauben an das Gute in den Dingen, in der Welt und in den Menschen, die sie bevölkern.
Manchmal wünsche ich mir die Zeit zurück, wo das Schlimmste für einen war, dass das Mittagessen eklig schmeckte und man es trotzdem essen musste oder dass man Stubenarrest hatte... oder Stallverbot.
Ich wünsche mir meine Träume zurück, die irgendwann zerplatzten, als sie an der Spitze der Realität kratzten.
Oder die Unbeschwertheit, mit der man den nächsten Tagen entgegensah.
Ich wünsche mir die Zeit zurück, in der man nur Angst vor nicht existierenden Monstern unter dem Bett hatte oder dem Donnerwetter, das einen erwartete, wenn man mal wieder zu spät nach Hause kam.
Aber man wird groß, man wird älter und man erkennt, dass es viel mehr als all das gibt.
Im letzten Jahr habe ich sehr vieles kennengelernt.
Menschliche Abgründe, die ich nie für möglich hielt.
Gewalt.
Co-Abhängigkeit.
Die Mordkommission der Kripo plus Gerichtssaal.
Angst um mein Leben, die immer noch nicht verschwunden ist.
Dass Väter mit 50 keinen Kontakt mehr zu ihrer Tochter haben.
Dass Freunde, die man über alles lieb hat von heute auf morgen aus dem Leben scheiden können, ohne dass man sich von ihnen verabschieden konnte.
Es mag sein, dass ich gerade den Blick auf das Gute im letzten Jahr verliere.
Es gab Zusammenhalt.
Menschen, die mich versucht haben zu fangen, als ich an meine Grenzen kam.
Kinder, die mich über alles lieben und sich fast überschlagen, wenn sie mich sehen.
Ich sehe das alles und ich bin unendlich dankbar, dass es in all den schlimmen Dingen, die mir widerfahren sind, Halt und Licht für mich gab.
Hätte es dieses Licht nicht gegeben, hätte ich nicht gewusst, woher ich die Kraft genommen hätte, die mich die Hoffnung nie aufgeben ließ.
Darum danke ich all jenen, die mir beistanden und weiter beistehen, bis auch das letzte bisschen Dunkel aus dem vergangenen Jahr endlich verschwunden ist.
Und Sadie wäre nicht Sadie, wenn sie nicht gerade schmunzeln und sich denken würde:
Kann nur besser werden - TSCHAKKAAAAA :)